Ein schmieriger, blaugrüner Belag, der sich in Fetzen vom Bodengrund abziehen lässt und muffig riecht: Das sind keine Algen, auch wenn der gängige Name Blaualgen etwas anderes nahelegt. Cyanobakterien sind Bakterien, und genau deshalb funktionieren die üblichen Algenmittel bei ihnen so schlecht. Wer sie mit den Methoden gegen Grün- oder Rotalgen bekämpft, arbeitet am falschen Organismus.
Unsicher, ob es sich wirklich um diesen Typ handelt? Das Bestimmungswerkzeug für Algen im Aquarium grenzt in vier Fragen ein.
Erkennung: drei Merkmale, die eindeutig sind
Cyanobakterien bilden einen zusammenhängenden Film statt einzelner Fäden oder Büschel. Er überzieht Bodengrund, Pflanzenblätter und Scheibenunterkanten wie eine dünne Haut. Die Farbe reicht von blaugrün über dunkelgrün bis ins Schwarzgrüne, in nährstoffreichen Becken auch rötlich.
Drei Merkmale zusammen sind eindeutig:
- Abziehbar am Stück. Der Belag löst sich als zusammenhängender Fetzen, nicht als Strähne oder Punkt. Echte Algen reißen dabei auseinander.
- Geruch. Beim Absaugen entsteht ein muffiger, erdiger, leicht modriger Geruch. Er ist das verlässlichste Einzelmerkmal.
- Wachstumsgeschwindigkeit. Eine abgesaugte Fläche kann innerhalb von 24 bis 48 Stunden wieder bedeckt sein. Kein Algentyp arbeitet so schnell.
Warum sie kommen: fast immer Nitratmangel plus Strömungsloch
Hier liegt der wichtigste Unterschied zu allen anderen Belägen im Becken. Cyanobakterien treten typischerweise auf, wenn das Nitrat sehr niedrig ist, nicht wenn es hoch ist. Viele von ihnen können Luftstickstoff binden und sind damit unabhängig vom gelösten Nitrat. Die höheren Pflanzen können das nicht. Bei Nitratwerten nahe null verlieren die Pflanzen ihren Vorsprung, und die Bakterien besetzen die frei werdenden Flächen.
Dazu kommen in aller Regel zwei weitere Faktoren: Bereiche mit wenig oder gar keiner Strömung und eine hohe organische Grundlast im Bodengrund.
| Faktor | Kritischer Bereich | Zielbereich |
|---|---|---|
| Nitrat (NO₃) | unter 5 mg/l | 10–25 mg/l |
| Phosphat (PO₄) | über 1,5 mg/l bei gleichzeitig niedrigem Nitrat | 0,1–1,0 mg/l |
| Strömung | tote Ecken, sichtbar an abgesetztem Mulm | Umwälzung 3–5× Beckenvolumen pro Stunde, breit verteilt |
| Wasserwechsel | seltener als alle 14 Tage | wöchentlich 30–50 % |
| Mulmschicht im Bodengrund | über 5 mm, schwarz verfärbt | bei jedem Wasserwechsel partiell absaugen |
| Beleuchtungsdauer | über 10 Stunden | 8–10 Stunden |
Wo der Mulm liegt, verrät die Verteilung des Befalls. Cyanobakterien beginnen fast immer in der strömungsärmsten Ecke, meist hinten an der gegenüberliegenden Seite des Filterauslaufs oder unter dichtem Pflanzenpolster.
Vorgehen: die Reihenfolge entscheidet
Wer nur absaugt, hat nach zwei Tagen dasselbe Bild. Wer nur die Wasserwerte korrigiert, wartet Wochen. Die Kombination in dieser Reihenfolge funktioniert.
Schritt 1: Absaugen statt abkratzen
Den Belag mit dem Schlauch direkt aufnehmen, nicht im Becken aufwirbeln. Jedes losgerissene Stück, das im Wasser treibt, siedelt sich woanders neu an. Bei stark bewachsenem Bodengrund die oberste Schicht mitmulmen. Rechnen Sie damit, dass dabei mehr Wasser abgeht als beim üblichen Wechsel, 40 bis 50 Prozent sind normal.
Schritt 2: Strömung umbauen
Den Filterauslauf so ausrichten, dass die Strömung an der Rückwand entlang bis in die befallene Ecke läuft und dort umgelenkt wird. Eine zusätzliche kleine Strömungspumpe von 500 bis 1000 Litern pro Stunde in einem 100- bis 200-Liter-Becken beseitigt tote Zonen zuverlässiger als ein größerer Filter. Wenn nach dem Umbau Mulm dort landet, wo er abgesaugt werden kann, ist die Strömung richtig.
Schritt 3: Nitrat anheben
Das ist der Schritt, der am meisten Überwindung kostet, weil er allem widerspricht, was man sonst über Nitrat hört. Bei Werten unter 5 mg/l gezielt auf 15 bis 20 mg/l aufdüngen, entweder über einen Volldünger mit Stickstoffanteil oder über Kaliumnitrat. Die Pflanzen nehmen den Vorsprung sofort auf, die Cyanobakterien profitieren nicht davon.
Schritt 4: Dunkelkur, wenn die ersten drei nicht reichen
Anders als bei den meisten Algen ist die Dunkelkur hier ein wirksames Mittel. Drei bis vier Tage vollständige Dunkelheit, Becken abgedeckt, Licht aus, keine Fütterung oder stark reduziert. Vorher einen Wasserwechsel von 50 Prozent machen und den Belag absaugen. Belüftung währenddessen laufen lassen, CO₂ abschalten.
Die Pflanzen überstehen vier Tage ohne Licht ohne dauerhaften Schaden, empfindlich sind vor allem rotblättrige Stängelpflanzen und Bodendecker, die danach etwas Zeit zur Erholung brauchen. Länger als vier Tage sollte die Kur nicht laufen. Nach dem Wiedereinschalten mit reduzierter Beleuchtungsdauer beginnen, etwa sechs Stunden, und über zwei Wochen wieder hochfahren.
Was man besser lässt
Gegen Cyanobakterien wirken Antibiotika, allen voran Erythromycin, und man findet entsprechende Empfehlungen. Das Problem ist nicht die Wirksamkeit, sondern die Nebenwirkung: Das Mittel trifft die Filterbakterien mit, die für den Abbau von Ammonium und Nitrit zuständig sind. Was danach folgt, ist häufig ein Nitritpeak in einem Becken, dessen biologische Filterung gerade zusammengebrochen ist. Dazu kommt die Resistenzproblematik, die den Einsatz von Antibiotika ohne Notwendigkeit generell fragwürdig macht.
Ebenfalls wenig zielführend sind pauschale Algenvernichter aus dem Handel. Die meisten arbeiten gegen die Photosynthese von Algen und greifen bei Bakterien schlechter, während sie Wirbellose belasten.
Sicherheitshinweis
Ein Teil der Cyanobakterienstämme kann Stoffwechselprodukte bilden, die für Tiere und Menschen nicht unbedenklich sind. Ob das im konkreten Becken zutrifft, lässt sich zu Hause nicht feststellen. Der praktische Umgang damit ist unaufgeregt: nach Arbeiten im Becken die Hände waschen, abgesaugtes Material nicht offen stehen lassen, bei größeren Mengen Einweghandschuhe verwenden. Kinder sollten bei der Beckenreinigung nicht mit dem Wasser hantieren.
Praxisbeispiel
Ein 240-Liter-Gesellschaftsbecken, zwei Jahre in Betrieb, Außenfilter mit 1000 Litern pro Stunde. Der Halter hatte die Düngung eingestellt, weil er Algen vermeiden wollte. Messwerte: Nitrat nicht nachweisbar, Phosphat 1,2 mg/l. In der linken hinteren Ecke, wo eine Wurzel die Strömung abschirmte, lag ein dunkelgrüner Teppich über Bodengrund und Anubias.
Der Ablauf: Wasserwechsel 50 Prozent mit Absaugen des Belags und Mulmen der befallenen Ecke, Wurzel um 20 Zentimeter versetzt, sodass die Strömung durchläuft, Nitrat auf 15 mg/l aufgedüngt. Nach fünf Tagen war rund die Hälfte der Fläche wieder bewachsen, aber deutlich dünner. Es folgte eine dreitägige Dunkelkur. Danach kein sichtbarer Neubefall mehr, bei laufender wöchentlicher Düngung und Wasserwechsel blieb das Becken frei.
Häufige Fragen
Sind Cyanobakterien wirklich keine Algen?
Richtig, es sind Bakterien. Sie betreiben zwar Photosynthese wie Pflanzen und Algen, haben aber keinen Zellkern und keine Chloroplasten. Aus diesem Unterschied folgt praktisch alles: Sie reagieren anders auf Licht, anders auf Nährstoffe und anders auf Behandlungsmittel.
Warum ausgerechnet bei niedrigem Nitrat?
Weil viele Cyanobakterienarten Stickstoff aus der Luft binden können. Ein Nitratwert nahe null bremst also nur die Konkurrenz aus, nämlich die höheren Pflanzen, während die Bakterien unbeeindruckt weiterwachsen.
Kommen sie nach der Dunkelkur wieder?
Wenn Strömung und Nitrat unverändert bleiben, ja, meist innerhalb von vier bis acht Wochen. Die Dunkelkur beseitigt den Bestand, nicht die Bedingungen. Deshalb steht sie in der Reihenfolge oben an vierter und nicht an erster Stelle.
Kann ich während der Dunkelkur füttern?
Sparsam oder gar nicht. Bei drei bis vier Tagen ist eine Fastenzeit für erwachsene Fische unproblematisch. Jede Fütterung bringt organische Fracht ins Wasser, die genau das Substrat liefert, das man gerade entziehen will.
Hilft ein UV-Klärer?
Gegen frei schwebende Organismen ja, gegen den festsitzenden Belag am Boden nein. Ein UV-Klärer erwischt nur, was durch ihn hindurchströmt. Bei Cyanobakterien sitzt der Bestand fest.
Was ist der Unterschied zu Kieselalgen?
Kieselalgen bilden einen hellbraunen, staubigen Film, der sich leicht abwischen lässt und in jungen Becken normal ist. Sie riechen nicht und wachsen deutlich langsamer nach. Mehr dazu bei den braunen Algen im Aquarium. Wer stattdessen harte schwarze Büschel an Blatträndern hat, ist bei den Pinselalgen richtig.