Christa Pike lebt. Der Bundesstaat Tennessee hat am Abend des 30. September 2026 versucht, die 50-Jährige mit einer Giftinjektion hinzurichten. Nach Angaben aus Gerichtsunterlagen erhielt sie zwei Spritzen des Wirkstoffs Pentobarbital, starb aber nicht. Ihre Anwälte teilten später mit, sie werde in einem nahegelegenen Krankenhaus behandelt. Gouverneur Bill Lee ordnete eine externe Überprüfung an und setzte die für 2026 noch geplanten Hinrichtungen aus.
Christa Gail Pike ist die einzige Frau im Todestrakt von Tennessee. Sie wurde 1996 wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt. Beide hatten damals an einem Ausbildungsprogramm in Knoxville teilgenommen. Wäre die Hinrichtung vollzogen worden, wäre Pike die erste Frau gewesen, die Tennessee seit rund 200 Jahren hingerichtet hat.
Wer ist Christa Pike?
Christa Gail Pike wurde am 10. März 1976 in West Virginia geboren. Das bestätigt die Strafvollzugsbehörde von Tennessee. Als Geburtsort wird in mehreren Darstellungen Beckley genannt. Nach Knoxville kam sie als junge Erwachsene, um am Ausbildungsprogramm Job Corps teilzunehmen. Dort beging sie im Januar 1995 die Tat, für die sie verurteilt wurde.
Ihr Alter spielt in dem Fall bis heute juristisch eine Rolle:
| Zeitpunkt | Datum | Alter |
|---|---|---|
| Geburt | 10. März 1976 | – |
| Tat | 12. Januar 1995 | 18 Jahre |
| Todesurteil | 30. März 1996 | 20 Jahre |
| Bestätigung durch den Tennessee Supreme Court | 5. Oktober 1998 | 22 Jahre |
| Gescheiterter Hinrichtungsversuch | 30. September 2026 | 50 Jahre |
Mit 18 Jahren war Pike nach amerikanischem Recht volljährig. Für Täter, die zur Tatzeit jünger als 18 sind, ist die Todesstrafe in den USA verboten. Pike lag nur knapp über dieser Grenze. Ihre Anwälte argumentieren deshalb seit Jahren, dass ihr Entwicklungsstand eher dem einer Jugendlichen entsprochen habe. Die Gerichte sind dem bislang nicht gefolgt.
Ihre Kindheit und der Weg zum Job Corps
Was über Pikes Kindheit öffentlich bekannt ist, stammt vor allem aus späteren Verfahren und aus den Unterlagen ihrer Verteidigung. Die Angaben sind deshalb als Vortrag der Verteidigung zu lesen. Gerichte haben einzelne Punkte aufgegriffen, die Gesamtdarstellung aber nicht als eigene Feststellung übernommen.
Ihre Anwälte beschreiben eine Kindheit mit Vernachlässigung und wiederholter sexueller Gewalt. Nach Darstellung des Cornell Center on the Death Penalty Worldwide, das Pike unterstützt und sich gegen die Todesstrafe einsetzt, wurde sie schon als Kleinkind über Jahre missbraucht. Mit elf Jahren soll sie von einem Nachbarn vergewaltigt worden sein, mit 17 von einem Fremden. Der Nachbar bekannte sich laut dieser Darstellung einer geringeren Anklage schuldig, der Täter von 17 wurde nie gefasst.
Die Verteidigung führt außerdem an, Pike habe infolge von Alkoholkonsum ihrer Mutter während der Schwangerschaft eine Hirnschädigung erlitten. Erst Jahre nach dem Urteil sei bei ihr eine bipolare Störung diagnostiziert worden, dazu eine posttraumatische Belastungsstörung. Auf diese Diagnosen berufen sich ihre Anwälte in Gerichtsunterlagen. In den ausgewerteten Berichten werden sie stets über die Verteidigung zitiert.
Pike selbst sagte vor dem Hinrichtungstermin laut der Nachrichtenagentur Associated Press (AP): „Ich war ein psychisch krankes 18-jähriges Kind. Ich habe viele Jahre gebraucht, um überhaupt zu begreifen, wie schwer das war, was ich getan habe.“ (eigene Übersetzung) Ihre Schuld bestreitet sie nicht.
1994 kam Pike zum Job Corps in Knoxville. Job Corps ist ein Programm des US-Arbeitsministeriums für junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen. Die Teilnehmenden wohnen meist in Wohnheimen, holen Schulabschlüsse nach und erhalten eine Berufsausbildung. Pike wollte nach Angaben ihrer Unterstützer Krankenpflegerin werden. Im Programm lernte sie den damals 17-jährigen Tadaryl Shipp kennen, mit dem sie eine Beziehung hatte.
Wer war Colleen Slemmer?
Colleen Slemmer war 19 Jahre alt, als sie getötet wurde. Sie stammte nach Angaben des Fernsehsenders WBIR aus Florida und war seit etwa drei Monaten beim Job Corps in Knoxville, wo sie eine Ausbildung im Computerbereich machen wollte. Sie wohnte in einer Unterkunft des Programms.
Ihre Mutter, May Martinez, beschrieb sie gegenüber AP als freundlich, als jemanden, der sich mit Computern auskannte, und als ehrenamtliche Helferin bei den Special Olympics. Slemmer wäre kurz vor dem Hinrichtungstermin 51 Jahre alt geworden. „Jedes Mal, wenn ich daran denke, denke ich daran, wie Colleen diesen Schmerz gespürt hat und versucht hat, aufzustehen und wegzulaufen“, sagte Martinez (eigene Übersetzung).
Martinez hat sich über Jahre öffentlich dafür eingesetzt, dass alle sterblichen Überreste ihrer Tochter an die Familie zurückgegeben werden. Dazu gehört auch das Knochenfragment, das Pike nach der Tat an sich genommen hatte.
Der Mord an Colleen Slemmer am 12. Januar 1995
Den Ablauf hat der Tennessee Supreme Court in seinem Urteil vom 5. Oktober 1998 (State v. Pike, 978 S.W.2d 904) festgehalten. Ein Bundesgericht gab diese Feststellungen 2016 in seiner Entscheidung über Pikes Bundesantrag ausführlich wieder.
Wie Colleen Slemmer an den Tatort gelockt wurde
Am 11. Januar 1995 sagte Pike laut Gericht einer Mitschülerin im Job Corps, sie wolle Colleen Slemmer töten. Am Abend des folgenden Tages bat sie Slemmer, sie zu einem Musikgeschäft zu begleiten. Unterwegs erzählte Pike, sie habe im nahegelegenen Tyson Park Marihuana versteckt. So brachte sie Slemmer zu einem abgelegenen Bereich beim Heizkraftwerk auf dem landwirtschaftlichen Campus der University of Tennessee.
Dort wurde Slemmer über einen längeren Zeitraum geschlagen und mit einem Teppichmesser verletzt. In ihre Brust wurde ein Pentagramm geritzt. Laut Gerichtsmedizin starb sie an stumpfer Gewalt gegen den Kopf mit mehreren schweren Schädelbrüchen. Am Morgen des 13. Januar fand ein Mitarbeiter der Universität ihre Leiche in der Nähe der Gewächshäuser.
Die Rollen von Tadaryl Shipp und Shadolla Peterson
An der Tat waren neben Pike zwei weitere Job-Corps-Teilnehmer beteiligt: ihr Freund Tadaryl Shipp und die 18-jährige Shadolla Peterson. Nach den gerichtlichen Feststellungen hielten Pike und Shipp das Opfer fest und griffen es an. Peterson war anwesend. Sie sagte später als Zeugin der Anklage gegen Pike aus.
Wer das Pentagramm geritzt hat, ist in den Darstellungen unterschiedlich gewichtet. Das Urteil von 1998 beschreibt das Pentagramm, ohne es eindeutig einer Person zuzuordnen. Nach AP-Berichten und nach Angaben von Pikes Unterstützern war es Shipp. Die tödlichen Schläge führte nach den Feststellungen Pike aus.
Was über das Motiv bekannt ist
Ein eindeutiges, gerichtlich festgestelltes Motiv im Sinne einer einzigen Ursache gibt es nicht. Die Unterlagen enthalten mehrere Aussagen:
- Laut einer Zeugin sagte Pike am Vortag, sie wolle Slemmer töten, weil sie sich an diesem Tag „gemein gefühlt“ habe.
- Gegenüber der Polizei gab Pike an, Slemmer habe versucht, ihr den Freund auszuspannen, und überall schlecht über sie geredet.
- Die Anklage stellte es so dar, dass Pike in Slemmer eine Rivalin sah.
- Pike selbst behauptete in ihrer Aussage, sie habe Slemmer nicht töten, sondern sich nur mit ihr prügeln wollen.
Ob es tatsächlich eine Beziehung zwischen Slemmer und Shipp gab, ist nicht belegt. Belegt ist nur, dass Pike das so wahrnahm oder behauptete.
Die Ermittlungen und das Todesurteil von 1996
Die Ermittler kamen den drei Beteiligten schnell auf die Spur. Pike hatte anderen Teilnehmern des Programms von der Tat erzählt und ein Stück vom Schädel des Opfers gezeigt. Die Polizei fand das Knochenfragment in ihrer Jackentasche. Es passte laut Gericht genau in den rekonstruierten Schädel.
Pike verzichtete auf ihr Recht zu schweigen und machte eine ausführliche Aussage, die aufgezeichnet wurde. Weitere Beweise waren Blutspuren an ihrer Kleidung und die Aussagen von Zeuginnen, denen Pike von der Tat berichtet hatte.
Im März 1996 sprach eine Jury Pike des vorsätzlichen Mordes ersten Grades und der Verschwörung zum Mord schuldig. Über die Strafe wird in Tennessee in einem getrennten zweiten Verfahrensabschnitt verhandelt, in dem die Jury zwischen Todesstrafe und Haft entscheidet. Am 30. März 1996 entschied sie sich für den Tod, damals durch den elektrischen Stuhl. Für die Verschwörung kamen 25 Jahre Haft hinzu.
Für die Todesstrafe muss eine Jury in Tennessee sogenannte erschwerende Umstände feststellen. In Pikes Fall waren es zwei: Die Tat sei besonders grausam gewesen, weil sie Folter oder schwere Misshandlung umfasst habe, die über das zur Tötung Notwendige hinausging. Und sie sei begangen worden, um eine Festnahme oder Strafverfolgung zu verhindern. Die Jury wog diese Umstände gegen die mildernden Umstände ab, die die Verteidigung vorgebracht hatte, darunter Pikes Alter.
Die Mitbeteiligten erhielten deutlich geringere Strafen:
- Tadaryl Shipp war zur Tatzeit 17 Jahre alt. Für Minderjährige war die Todesstrafe in Tennessee ausgeschlossen. Er wurde 1997 wegen Mordes ersten Grades zu lebenslanger Haft mit der Möglichkeit einer späteren Entlassung auf Bewährung verurteilt. Laut AP wurde ein Antrag auf vorzeitige Entlassung 2025 abgelehnt.
- Shadolla Peterson bekannte sich im Rahmen einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft der Begünstigung nach der Tat schuldig und sagte gegen Pike aus. Sie erhielt eine Bewährungsstrafe.
Pikes Unterstützer verweisen auf diese ungleichen Strafen. Shipp war nur wenige Monate jünger als sie.
Jahrzehnte auf dem Todestrakt
Christa Pike verbrachte mehr als 30 Jahre im Todestrakt, den größten Teil davon nach Angaben ihrer Unterstützer in Einzelhaft. Ihr Fall beschäftigte in dieser Zeit Gerichte in Tennessee und auf Bundesebene.
Im Oktober 1998 bestätigte der Tennessee Supreme Court Schuldspruch und Todesurteil. 2001 und 2002 versuchte Pike, gegen den Rat ihrer Anwälte auf weitere Rechtsmittel zu verzichten und ihre Hinrichtung zu beschleunigen. Ein Termin wurde für August 2002 angesetzt. Pike änderte jedoch ihre Meinung, und ein Gericht stoppte das Verfahren.
Im Gefängnis kam ein weiteres Verbrechen hinzu. 2001 griff Pike zusammen mit einer anderen Insassin eine Mitgefangene an und würgte sie mit einem Schnürsenkel. 2004 wurde sie deshalb wegen versuchten Mordes verurteilt. 2012 deckten Ermittler zudem einen Fluchtplan auf, an dem ein Vollzugsbeamter und ein Mann aus New Jersey beteiligt waren.
Nach dem Abschluss der Verfahren in Tennessee wandte sich Pike an die Bundesgerichte. Ein Bundesrichter wies ihren Antrag 2016 ab, das Bundesberufungsgericht für den sechsten Bezirk (Sixth Circuit) bestätigte dies 2019. Im Kern ging es um die Frage, ob ihre damaligen Verteidiger im Strafmaßverfahren genug getan hatten.
Warum Alter, Missbrauch und die damalige Verteidigung juristisch zählen
Bei der Frage nach der Todesstrafe darf und muss eine Jury alles berücksichtigen, was für eine mildere Strafe sprechen kann: Herkunft, Gewalterfahrungen, psychische Erkrankungen, Reife. Die heutigen Anwälte von Christa Pike argumentieren, dass die Jury 1996 vieles davon nie zu hören bekam. Weder ihre späteren Diagnosen noch das volle Ausmaß des Missbrauchs seien damals dargelegt worden.
Ist das richtig, kann das gegen das Recht auf eine wirksame Verteidigung verstoßen. Die Hürden sind aber hoch: Gerichte prüfen nicht nur, ob Verteidiger Fehler gemacht haben, sondern auch, ob das Ergebnis ohne diese Fehler wahrscheinlich anders ausgefallen wäre. Die Bundesgerichte kamen 2016 und 2019 zu dem Schluss, dass die Entscheidungen der Gerichte in Tennessee diesen Maßstab nicht unvertretbar angewandt hatten. Laut dem Urteil von 2016 hatten Familienangehörige im Prozess durchaus mildernde Umstände geschildert.
2023 versuchten ihre Anwälte es mit einem neuen Ansatz. Am 18. November 2022 hatte der Tennessee Supreme Court im Fall State v. Booker entschieden. Tyshon Booker war bei der Tat 16 Jahre alt und hatte nach dem damaligen Gesetz automatisch eine lebenslange Strafe erhalten: 60 Jahre, von denen er mindestens 51 verbüßen musste, bevor eine Entlassung überhaupt möglich war. Das Gericht hielt diese automatische Strafe für verfassungswidrig, weil sie bei Jugendlichen ohne jede Berücksichtigung von Alter und Umständen verhängt wurde. Booker erhielt stattdessen das Recht auf eine individuelle Anhörung über eine Entlassung nach 25 bis 36 Jahren. Um eine ausdrücklich verhängte Strafe ohne jede Entlassungsmöglichkeit ging es dabei nicht.
Pikes Anwälte wollten den Grundgedanken dieses Urteils, dass das junge Alter eines Täters bei der Strafe berücksichtigt werden muss, auf eine 18-Jährige mit Todesurteil übertragen. Ein Gericht in Tennessee lehnte das ab: Booker gelte für Minderjährige, Pike sei zur Tatzeit rechtlich erwachsen gewesen.
Im Herbst 2025 setzte der Tennessee Supreme Court den Hinrichtungstermin auf den 30. September 2026 fest. 2026 griff Pike außerdem das Hinrichtungsprotokoll an. Ihre Anwälte machten unter anderem geltend, dass das Legen der Venenzugänge bei ihr wegen ihrer Traumafolgestörung besonders belastend sei, und verwiesen auf eine Thrombozytose, also eine erhöhte Zahl von Blutplättchen, im Zusammenhang mit dem venösen Zugang. Ein vom Gericht eingesetzter Sonderbeauftragter hörte im August 2026 Zeugen an. Am 23. September 2026 lehnte der Tennessee Supreme Court einen Antrag in diesem Verfahren ab. Am 28. September verweigerte Gouverneur Lee die Begnadigung.
Was geschah bei Christa Pikes Hinrichtung am 30. September 2026?
Die Hinrichtung war für 10 Uhr Ortszeit angesetzt, also 17 Uhr deutscher Zeit. Sie fand im Hochsicherheitsgefängnis Riverbend in Nashville statt. Tennessee verwendet seit 2025 ein Protokoll, bei dem Pentobarbital als einziger Wirkstoff eingesetzt wird.
Die Gerichtsentscheidungen am Tag der Hinrichtung
Gegen 9 Uhr Ortszeit setzte das Bundesberufungsgericht für den sechsten Bezirk die Hinrichtung mit zwei zu einer Stimme vorläufig aus. Die Mehrheit wollte nach AP-Angaben prüfen, ob Pikes Angaben über sexuellen Missbrauch in der Kindheit bei der Strafzumessung angemessen berücksichtigt worden waren. Der dritte Richter nannte den Antrag einen weiteren aussichtslosen Versuch in letzter Minute. Der Generalstaatsanwalt von Tennessee warf Pikes Anwälten taktische Spielchen vor.
Der Staat wandte sich an den US Supreme Court. Dieser hob die Aussetzung im Laufe des Tages mit sechs zu drei Stimmen auf. Die Richterinnen Sonia Sotomayor, Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson stimmten dagegen. Damit war der Weg für die Hinrichtung am Abend frei.
Was die Zeugen berichten
Bei Hinrichtungen in den USA sind Medienvertreter als Zeugen zugelassen. Sie sehen durch ein Fenster in die Kammer, das mit einem Vorhang verschlossen werden kann. Was hinter dem Vorhang geschieht, sehen sie nicht. Die folgenden Angaben stammen von diesen Zeugen und von Medienberichten. Eine amtliche Rekonstruktion liegt bislang nicht vor.
- Laut Axios wurde der Vorhang gegen 19:27 Uhr Ortszeit geöffnet.
- Die AP-Reporterin Kim Chandler sagte, Pike habe zu Beginn sichtlich wach gewirkt.
- Laut Axios berichteten Zeugen, Pike habe über Schmerzen im Arm geklagt.
- Mehrere Zeugen berichteten von hörbarem Atmen, Schnarchgeräuschen und Bewegungen. Der Vorhang wurde mehrmals geschlossen und wieder geöffnet.
- In einem Eilantrag erklärten Pikes Anwälte laut CBS News, sie habe das Bewusstsein nicht verloren, ihr Herz schlage noch und sie schnarche hörbar. Das ist die Darstellung der Verteidigung.
- Gegen 20:53 Uhr wurden die Zeugen nach Angaben von ABC News hinausgeführt. Pike war zu diesem Zeitpunkt noch zu hören.
„Ich habe fünf Hinrichtungen in Tennessee bezeugt. Nichts an diesem Tag war normal“, sagte die Reporterin Tori Gessner vom Sender WKRN (eigene Übersetzung). Ihr Kollege John North von WBIR sagte: „Wir haben viele Fragen zu dem, was wir gesehen haben, und zu dem, was wir nicht gesehen haben.“ (eigene Übersetzung)
Abbruch und Verlegung ins Krankenhaus
Laut Gerichtsunterlagen, über die mehrere Medien berichteten, wurden Christa Pike zwei Spritzen Pentobarbital verabreicht. Sie überlebte. Ein Rettungswagen mit Blaulicht verließ das Gefängnisgelände. Am späten Abend erklärten ihre Anwälte Randy Spivey und Kelly Gleason, Pike werde in einem nahegelegenen Krankenhaus behandelt. Über ihren Zustand seien sie nicht informiert worden. Die Bundesverteidiger reichten einen Eilantrag ein, um einen weiteren Versuch zu stoppen.
Die Strafvollzugsbehörde von Tennessee erklärte, das Personal habe jeden Schritt des gesetzlich festgelegten Protokolls befolgt. Das Mittel habe sich bisher stets als wirksam erwiesen. Zu Pikes Zustand äußerte sie sich nach den vorliegenden Berichten nicht.
Gouverneur Bill Lee ordnete laut WSMV eine „umfassende Überprüfung durch Dritte“ an (eigene Übersetzung). Die Vollstreckung eines rechtmäßig verhängten Urteils gehöre „zu den ernstesten Aufgaben des Staates“, erklärte er. Die übrigen für 2026 angesetzten Hinrichtungen sagte er ab.
Ob Christa Pike im Krankenhaus wiederbelebt, beatmet oder auf andere Weise behandelt wurde, ist nicht bekannt. Dass sie ins Krankenhaus gebracht wurde, sagt darüber nichts aus.
Warum kann eine Hinrichtung mit Pentobarbital scheitern?
Warum Christa Pike den Hinrichtungsversuch überlebte, ist bislang ungeklärt. Die Ursache soll die angekündigte Überprüfung ermitteln. Die folgenden Erklärungen sind allgemein und beschreiben, welche Ursachen grundsätzlich denkbar sind. Sie sind keine Diagnose dieses Falls.
Was Pentobarbital ist
Pentobarbital ist ein Barbiturat, ein älteres Beruhigungs- und Narkosemittel. Es verstärkt die hemmenden Signale im Gehirn. In niedriger Dosierung macht es müde, in höherer führt es zu Bewusstlosigkeit und Koma. In sehr hohen Mengen unterdrückt es den Atemantrieb und senkt den Blutdruck so stark, dass Atmung und Kreislauf versagen. In der Medizin wird es heute nur noch selten eingesetzt, in der Tiermedizin unter anderem zum Einschläfern.
Pentobarbital bei Hinrichtung und Sterbehilfe: Was ist der Unterschied?
Barbiturate werden auch im Zusammenhang mit Sterbehilfe genannt. Beim Fall Christa Pike stellt sich deshalb die Frage, ob eine Hinrichtung mit Pentobarbital und ein ärztlich begleiteter Tod vergleichbar sind. Die Antwort ist eindeutig: Medizinisch, rechtlich und organisatorisch folgen beide Bereiche grundverschiedenen Regeln.
In Tennessee kann Pentobarbital als einziges Mittel eines Hinrichtungsprotokolls eingesetzt werden. Die Vollstreckung liegt bei den Strafvollzugsbehörden. Sie ist eine staatliche Strafe und keine medizinische Behandlung. Der amerikanische Ärzteverband AMA lehnt die Mitwirkung von Ärztinnen und Ärzten an Hinrichtungen in seinem Ethikkodex ab. Das schließt ausdrücklich auch das Legen von Zugängen und die Überwachung von Vitalwerten ein.
Sterbehilfe ist dort, wo sie erlaubt ist, an den ausdrücklichen und freiwilligen Wunsch der betroffenen Person gebunden und findet unter ärztlicher Verantwortung statt. In den Niederlanden wird dabei zwischen zwei Formen unterschieden: Bei der Euthanasie beendet eine Ärztin oder ein Arzt das Leben auf Verlangen der Patientin oder des Patienten. Bei der Hilfe bei der Selbsttötung nimmt die betroffene Person das Mittel selbst ein. In beiden Fällen gelten gesetzlich festgelegte Sorgfaltskriterien. Dazu gehören eine freiwillige und wohlüberlegte Bitte, aussichtsloses und unerträgliches Leiden und die Beteiligung einer zweiten, unabhängigen Ärztin oder eines Arztes. Jeder Fall wird anschließend überprüft, wie die niederländischen Regionalen Euthanasie-Prüfungskommissionen erläutern.
Auch im Ablauf unterscheidet sich Euthanasie grundlegend von einer Hinrichtung. Nach dem EuthanasieCode der Prüfungskommissionen, dessen aktuelle Fassung am 1. Januar 2026 veröffentlicht wurde, wird bei intravenöser Euthanasie zunächst eine tiefe Bewusstlosigkeit herbeigeführt. Erst nachdem die Ärztin oder der Arzt festgestellt hat, dass das Bewusstsein ausreichend tief herabgesetzt ist, wird in einem weiteren Schritt ein Muskelrelaxans verabreicht. Dieser Ablauf ist auch in einer älteren englischsprachigen Fassung der Vorgaben beschrieben. Bei der Hilfe bei der Selbsttötung können dagegen Barbiturate eine Rolle spielen, die die betroffene Person selbst einnimmt. Dass ein verwandter Wirkstoff vorkommen kann, macht die Verfahren nicht vergleichbar: Zweck, Freiwilligkeit, rechtlicher Rahmen, ärztliche Kontrolle und Ablauf sind grundverschieden.
In Deutschland ist der Begriff „Euthanasie“ historisch schwer belastet. Die Nationalsozialisten nutzten das griechische Wort für „guter Tod“, um die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen zu verschleiern. Nach Schätzungen fielen diesen Verbrechen rund 250.000 Menschen zum Opfer (United States Holocaust Memorial Museum). Hierzulande spricht man deshalb meist von Sterbehilfe oder Suizidhilfe.
Auch die Rechtslage in Deutschland ist eine andere: Die Tötung auf Verlangen ist strafbar. Das Bundesverfassungsgericht erklärte 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung in § 217 StGB in der damaligen Fassung für nichtig und erkannte ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben an. Zugleich stellte das Gericht klar, dass der Gesetzgeber die Suizidhilfe regeln darf.
Für den Fall Pike heißt das: Die angekündigte Überprüfung in Tennessee betrifft das Hinrichtungsprotokoll einer Strafvollzugsbehörde. Aus den Abläufen der Sterbehilfe lassen sich keine Rückschlüsse darauf ziehen, was in Riverbend geschehen ist.
Verabreicht heißt nicht angekommen
Damit das Mittel wirkt, muss es in ausreichender Menge über die Vene in den Blutkreislauf gelangen. Die Menge in der Spritze ist nicht automatisch die Menge, die das Gehirn erreicht. Grundsätzlich denkbare Probleme sind:
- Ein fehlerhafter Venenzugang. Liegt die Kanüle nicht richtig in der Vene oder rutscht sie heraus, kann das Mittel ins umliegende Gewebe laufen. Dort gelangt es langsamer und weniger vorhersehbar in den Kreislauf. Das kann auch Schmerzen und Schwellungen an der Einstichstelle verursachen.
- Probleme mit Schläuchen oder Leitungen, etwa Knicke, Undichtigkeiten oder Verstopfungen.
- Probleme mit dem Wirkstoff selbst, etwa mit Konzentration, Lagerung oder Herstellung.
- Individuelle Faktoren, etwa schwer zugängliche Venen.
Ein falsch liegender Zugang wäre eine mögliche Erklärung für ein Scheitern. Ob er im Fall Pike vorlag, ist nicht festgestellt.
Was Atemgeräusche und Bewegungen bedeuten
Zeugen berichteten von Schnarchen und Bewegungen. Solche Beobachtungen lassen sich nur begrenzt deuten. Schnarchgeräusche können entstehen, wenn bei einem stark sedierten Menschen die Muskulatur im Rachen erschlafft und die Atemwege teilweise verlegt sind. Bewegungen können Reflexe sein. Beides zeigt nicht sicher, ob jemand bei Bewusstsein ist oder Schmerz empfindet, und schließt es auch nicht aus.
Wie behandeln Ärzte eine schwere Pentobarbitalvergiftung?
Dieser Abschnitt beschreibt, wie eine schwere Barbituratvergiftung allgemein behandelt wird. Welche Behandlung Pike erhalten hat, ist nicht öffentlich bekannt.
Ein spezifisches Gegenmittel, das die Wirkung von Pentobarbital aufhebt, gibt es nicht. Nach der Beschreibung der US-Gesundheitsinformation MedlinePlus steht im Mittelpunkt der Behandlung, Atmung und Kreislauf zu sichern, bis der Körper das Mittel selbst abgebaut hat.
- Atemwege und Atmung: Sauerstoff, bei Bedarf ein Beatmungsschlauch und künstliche Beatmung, wenn der Atemantrieb nicht ausreicht.
- Kreislauf: Infusionen und, falls nötig, blutdrucksteigernde Medikamente.
- Überwachung: auf der Intensivstation, mit Kontrolle von Herzrhythmus, Sauerstoffsättigung, Blutwerten und Körpertemperatur.
Auch eine Blutwäsche ist bei Pentobarbital keine Standardbehandlung. Die internationale Fachgruppe EXTRIP empfiehlt eine Dialyse bei schweren Vergiftungen mit langwirksamen Barbituraten wie Phenobarbital. Pentobarbital wirkt kürzer, und diese Empfehlung lässt sich nicht ohne Weiteres darauf übertragen.
Wie lange der Körper zum Abbau braucht, hängt unter anderem von der Menge ab, die tatsächlich in den Kreislauf gelangt ist, und vom Zustand von Leber und Kreislauf. Eine allgemeingültige Zeitspanne lässt sich für eine sehr hohe intravenöse Dosis nicht angeben. Laut MedlinePlus können ein längeres Koma oder Komplikationen an der Atmung bleibende Schäden hinterlassen. Mögliche Komplikationen sind etwa eine Lungenentzündung durch eingeatmeten Mageninhalt oder Schäden durch Sauerstoffmangel, wenn die Atmung längere Zeit nicht ausgereicht hat. Ob solche Komplikationen bei Pike aufgetreten sind, ist nicht bekannt.
Kann Christa Pike erneut hingerichtet werden?
Kurz gesagt: Ein gescheiterter Versuch hebt das Todesurteil nicht auf. Ob und wann es einen weiteren Versuch gibt, ist offen.
Das Urteil bleibt bestehen
Das Todesurteil gegen Christa Pike ist rechtskräftig. Ein fehlgeschlagener Vollstreckungsversuch ändert daran zunächst nichts. Ändern könnte das ein Gericht, das das Urteil aufhebt, oder der Gouverneur, der die Strafe im Gnadenweg etwa in lebenslange Haft umwandeln kann. Eine solche Umwandlung hatten Pikes Anwälte in ihrem Gnadengesuch beantragt; Lee lehnte es am 28. September ab.
Der US Supreme Court hat sich mit einer ähnlichen Frage bereits 1947 befasst. Im Fall Louisiana ex rel. Francis v. Resweber hatte der elektrische Stuhl bei der Hinrichtung des jungen Willie Francis versagt. Das Gericht erlaubte einen zweiten Versuch. Weder das Verbot der Doppelbestrafung noch das Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen stehe dem entgegen. Francis wurde 1947 hingerichtet. Das Gericht betonte damals aber, dass es sich um einen unvorhersehbaren Unfall gehandelt habe. Wiederholte Fehlschläge könnten anders zu bewerten sein.
Auch in der jüngeren Vergangenheit gab es abgebrochene Hinrichtungen. In Ohio scheiterte 2009 der Versuch, Romell Broom hinzurichten, weil keine Vene gefunden wurde. Das oberste Gericht des Bundesstaats erlaubte später einen zweiten Versuch. Broom starb 2020 im Gefängnis, bevor es dazu kam. Bei Francis scheiterte die Hinrichtung am elektrischen Stuhl; bei Broom konnten keine geeigneten Venenzugänge gelegt werden. Pikes Fall unterscheidet sich davon: Nach Angaben ihrer Anwälte wurden ihr zwei Dosen Pentobarbital verabreicht. Wie viel davon tatsächlich in den Blutkreislauf gelangte, ist bislang ungeklärt.
Urteil, Termin und Einwände
Rechtlich sind drei Ebenen zu unterscheiden:
- Das Todesurteil besteht weiter. Es wurde durch den gescheiterten Versuch weder aufgehoben noch umgewandelt.
- Der Hinrichtungstermin galt für den 30. September 2026. In Tennessee legt der Tennessee Supreme Court die Termine fest. Ein weiterer Versuch würde einen neuen Termin voraussetzen. Ein solcher ist bislang nicht bekannt. Zudem hat Gouverneur Lee die übrigen Hinrichtungen des Jahres 2026 abgesagt und eine Überprüfung angeordnet.
- Rechtliche Einwände ihrer Verteidigung, etwa gegen einen zweiten Versuch oder gegen das Protokoll, halten eine Hinrichtung nicht automatisch auf. Das gelingt nur, wenn ein Gericht die Vollstreckung ausdrücklich aussetzt oder der Gouverneur eingreift. Wie die Gerichte über solche Einwände entscheiden würden, ist offen.
Die Rolle des Verbots grausamer Strafen
Der achte Zusatzartikel zur US-Verfassung verbietet grausame und ungewöhnliche Strafen. Nach der Rechtsprechung des Supreme Court ist eine Hinrichtungsmethode nicht schon deshalb verfassungswidrig, weil Fehler möglich sind. Ein Gefangener muss nachweisen, dass das Verfahren ein erhebliches Risiko schwerer Schmerzen birgt, und eine praktikable Alternative benennen. Diese Hürde ist hoch.
Pikes Anwälte dürften argumentieren, dass ein zweiter Versuch nach einem vollständig durchgeführten, aber gescheiterten Protokoll eine Grausamkeit eigener Art wäre. Der Staat dürfte entgegenhalten, dass Francis v. Resweber einen erneuten Versuch grundsätzlich erlaubt. Eine Entscheidung dazu gibt es noch nicht.
Offene Fragen
- Woran ist der Versuch gescheitert: am Zugang, am Mittel oder an etwas anderem?
- Wie geht es Pike gesundheitlich?
- Was ergibt die vom Gouverneur angeordnete Überprüfung, und wer führt sie durch?
- Wird der Tennessee Supreme Court einen neuen Termin festsetzen?
- Wie entscheiden die Gerichte über die Einwände ihrer Verteidigung?
Der aktuelle Stand im Fall Christa Pike
Stand der Recherche: 1. Oktober 2026, 12:30 Uhr deutscher Zeit (5:30 Uhr in Tennessee).
Christa Pike hat den Hinrichtungsversuch vom 30. September 2026 überlebt und wurde laut ihren Anwälten in einem Krankenhaus behandelt. Ihr Gesundheitszustand ist nicht öffentlich bestätigt. Die Strafvollzugsbehörde gibt an, das Protokoll eingehalten zu haben. Gouverneur Bill Lee hat eine externe Überprüfung angeordnet und die übrigen für 2026 geplanten Hinrichtungen abgesagt. Das Todesurteil gegen Pike besteht weiter. Ein neuer Hinrichtungstermin ist bislang nicht bekannt. Ob es einen weiteren Hinrichtungsversuch geben wird, ist offen. Maßgeblich sind die Ergebnisse der Überprüfung sowie weitere behördliche und gerichtliche Entscheidungen.