Informiert wie ein Fuchs.

Thomas Brasch Gedichte: Werke, Themen und Analysen eines Grenzgängers

Thomas Brasch (1945–2001) war Lyriker, Dramatiker, Erzähler, Filmregisseur und Übersetzer. Er wurde im englischen Exil seiner jüdischen Eltern geboren und wuchs in der DDR auf. 1968 wurde er wegen Flugblättern gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei verurteilt, im Dezember 1976 ging er nach West-Berlin. In der DDR galt er als unbequem, im Westen wollte er nicht als Kronzeuge gegen den Osten auftreten.

Wer Thomas Brasch Gedichte sucht, findet sie vor allem in drei Büchern. „Kargo“ (1977) ist eine Montage aus Gedichten, Prosa, Szenen und Fotos. Für den Gedichtband „Der schöne 27. September“ (1980) erhielt Brasch den Literaturpreis der F.A.Z. Die Gesamtausgabe „Die nennen das Schrei“ (2013) versammelt auf rund tausend Seiten alle zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte und zahlreiche Texte aus dem Nachlass.

Kennzeichnend für seine Lyrik ist ein Spannungsverhältnis. Brasch greift auf populäre Formen wie Lied, Wiegenlied, Märchen und gereimte Strophe zurück und füllt sie mit Zeitkritik, Erotik, Todesnähe und schroffen Brüchen. An diesen Gedichten lässt sich besonders gut zeigen, wie Form und Inhalt gegeneinander arbeiten können. Deshalb eignen sie sich für Schule und Studium.

Thomas Brasch auf einen Blick

Merkmal Angabe
Geboren 19. Februar 1945 in Westow, Yorkshire (England)
Gestorben 3. November 2001 in Berlin
Eltern Horst Brasch, jüdischer Emigrant und später stellvertretender Kulturminister der DDR; Gerda Brasch, Journalistin aus Österreich
Tätigkeiten Lyriker, Dramatiker, Prosaautor, Drehbuchautor, Filmregisseur, Übersetzer
Lebensstationen England; ab 1946/47 Sowjetische Besatzungszone bzw. DDR; ab Dezember 1976 West-Berlin
Lyrik zu Lebzeiten „Poesiealbum 89“ (Lyrikheft, 1975), „Kargo“ (Montageband mit Gedichten, 1977), „Der schöne 27. September“ (Gedichtband, 1980)
Posthume Gedichtausgaben „Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer“ (2002), „Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe“ (2007), „Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte“ (2013)
Weitere Werke „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (Prosa, 1977), „Rotter“ (Stück, 1977), „Mercedes“ (Stück, 1983), „Mädchenmörder Brunke“ (Prosa, 1999)
Filme „Engel aus Eisen“ (1981), „Domino“ (1982), „Der Passagier – Welcome to Germany“ (1988)
Auszeichnungen (Auswahl) Stipendium zum Lessing-Preis Hamburg (1977), F.A.Z.-Literaturpreis (1980), Bayerischer Filmpreis für „Engel aus Eisen“, Kleist-Preis (1987)
Nachlass Thomas-Brasch-Archiv in der Akademie der Künste, Berlin

Wer war Thomas Brasch?

Thomas Brasch war ein deutscher Schriftsteller und Filmemacher. Er wuchs in der DDR auf, wurde dort 1968 aus politischen Gründen verurteilt und ging 1976 nach West-Berlin. Er schrieb Gedichte, Theaterstücke, Prosa und Drehbücher und übersetzte Shakespeare und Tschechow. Seine Gedichtbände „Kargo“ (1977) und „Der schöne 27. September“ (1980) gehören zu den markanten Lyrikbüchern der deutsch-deutschen Literatur nach 1968.

Herkunft und Jugend in der DDR

Brasch wurde am 19. Februar 1945 in Westow in Yorkshire geboren. Seine Eltern waren jüdische Emigranten: der Vater Horst Brasch, später ein hoher Kulturfunktionär der DDR, und die Mutter Gerda, eine Journalistin aus Österreich. Kurz nach Kriegsende zog die Familie in die sowjetische Besatzungszone.

Von 1956 bis 1960 besuchte Brasch die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee in Naumburg. Laut der Zeittafel des Suhrkamp Verlags erschienen schon damals erste Texte von ihm in der „Lausitzer Rundschau“. Nach dem Abitur arbeitete er unter anderem als Setzer und Schlosser. 1964 begann er ein Journalistikstudium in Leipzig, 1965 wurde er aus politischen Gründen exmatrikuliert. 1967 nahm er ein Dramaturgiestudium an der Filmhochschule in Babelsberg auf.

1968: Flugblätter und Haft

Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968 verteilte Brasch mit anderen jungen Leuten, darunter Florian und Frank Havemann, Flugblätter. Er wurde wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu 27 Monaten Haft verurteilt, kam nach 77 Tagen auf Bewährung frei und musste als Fräser im Transformatorenwerk in Berlin-Oberschöneweide arbeiten.

Schreiben unter Verbot

Ab 1971 arbeitete Brasch im Bertolt-Brecht-Archiv. Mehrere seiner Theaterstücke wurden nach der Uraufführung abgesetzt oder gar nicht erst genehmigt. 1975 erschien in Ost-Berlin seine einzige Lyrikpublikation in der DDR: Heft 89 der Reihe „Poesiealbum“, mit Illustrationen von Einar Schleef.

Die DDR verweigerte den Druck eines Prosabandes. Brasch protestierte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 und stellte einen Ausreiseantrag. Im Dezember 1976 ging er mit der Schauspielerin Katharina Thalbach und ihrer Tochter nach West-Berlin.

Im Westen

1977 erschienen der Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im Rotbuch Verlag und „Kargo“ bei Suhrkamp, 1980 folgte „Der schöne 27. September“. Danach arbeitete Brasch stärker für den Film. Als er für sein Regiedebüt „Engel aus Eisen“ den Bayerischen Filmpreis erhielt, dankte er bei der Verleihung ausdrücklich der Filmhochschule der DDR. Das löste einen Eklat aus.

Brasch starb am 3. November 2001 in Berlin. Er ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben. Sein Nachlass liegt in der Akademie der Künste. Neues Interesse an ihm weckten die Gesamtausgabe der Gedichte (2013) und der Spielfilm „Lieber Thomas“ (2021) von Andreas Kleinert.

Welche Gedichtbände und Gedichte sind von Thomas Brasch?

Zu Lebzeiten veröffentlichte Thomas Brasch zwei reine Lyrikpublikationen: das Heft „Poesiealbum 89“ (1975) und der Gedichtband „Der schöne 27. September“ (1980). Hinzu kommt „Kargo“ (1977), ein Montageband, der Gedichte mit Prosa, Szenen und Fotos verbindet. Nach seinem Tod erschienen „Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer“ (2002), „Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe“ (2007) und die Gesamtausgabe „Die nennen das Schrei“ (2013). Die Gesamtausgabe ist heute die verlässlichste Textgrundlage.

Die Gedichtbände im Überblick

Werk Jahr Art Besonderheit
Poesiealbum 89 1975 Lyrikheft, Ost-Berlin Einzige Lyrikpublikation in der DDR; Illustrationen von Einar Schleef
Kargo. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen 1977 Montageband, Suhrkamp Gedichte, Prosa, Szenen und Fotografien, u. a. von Roger Melis
Der schöne 27. September 1980 Gedichtband, Suhrkamp 40 Gedichte; F.A.Z.-Literaturpreis 1980
Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer 2002 Gedichte, Suhrkamp Posthum erschienen
Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe 2007 Auswahl, Suhrkamp Hrsg. Thomas Wild; Liebesgedichte aus mehreren Jahrzehnten, auch aus dem Nachlass
Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte 2013 Gesamtausgabe, Suhrkamp Hrsg. Martina Hanf und Kristin Schulz; chronologisch, rund 1.000 Seiten, mit Nachlasstexten

Bekannte Gedichte aus „Der schöne 27. September“

Gedicht Thema Besonderheit
Der schöne 27. September Titelgedicht Gibt dem Band den Namen
Märchen von Ruth / für Chagall Verwandlung, Vereinzelung Märchenton, Kreuzreim, wechselnde Verslänge
Schlaflied für K. Krieg und Frieden Wiegenlied-Form mit Kriegsbildern
Van der Lubbe, Terrorist / (Niemands Land) Geschichte, politische Gewalt Bezug auf Marinus van der Lubbe, der für den Reichstagsbrand 1933 verurteilt und hingerichtet wurde
Der Tod des Isaac Babel Gewalt der Geschichte Bezug auf den sowjetischen Erzähler, der 1940 hingerichtet wurde
Lied / Für B. Widmung Liedform

Zum Band gehören außerdem etwa „Widmung für ein Haus“ und „Die Geheimnisse“.

Außerhalb dieses Bandes wird vor allem ein kurzes Gedicht oft zitiert, das mit dem Vers „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber“ beginnt. Es wird weiter unten ausführlich besprochen.

Vorsicht bei kursierenden Texten

Im Internet kursieren unter Braschs Namen Gedichte und Sprüche, die sich keiner Ausgabe zuordnen lassen. Titel wie „Die Liebe“, „Der Tod“, „Die Einsamkeit“ oder „Expressionismus“ sind in seinen Gedichtbänden nicht nachweisbar. Wer Brasch zitiert, sollte den Wortlaut in „Die nennen das Schrei“ prüfen.

Was zeichnet die Gedichte von Thomas Brasch aus?

Braschs Gedichte verbinden alte, populäre Formen mit scharfen Brüchen. Er schreibt Lieder, Wiegenlieder, Balladen und Märchengedichte, arbeitet darin aber mit Paradoxen, harten Pointen und Bildern von Krieg und Gewalt. Die Jury des F.A.Z.-Literaturpreises hob 1980 die Verbindung von „Zartheit und elegische[r] Erotik mit Nüchternheit und strenger Zeitkritik“ hervor.

Form: Ordnung mit Bruchstellen

Pauschal lässt sich Braschs Lyrik weder als „frei“ noch als „traditionell“ beschreiben. Die Neue Deutsche Biographie charakterisiert die Spannweite seiner Verse als Bogen von karger Prosasprache bis zu bildreichen Reimversen.

Gedicht / Werk Form Wirkung
Märchen von Ruth / für Chagall Märchen- und Liedform, alternierender Reim, vier- und dreihebige Verse Scheinbare Einfachheit bei genauer Komposition
Schlaflied für K. Wiegenlied Tröstende Form, beunruhigender Inhalt
„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber“ Sieben Verse ohne Reimschema; fünf Versenden mit „aber“ Kette von Widerrufen, paradoxer Schluss
Kargo Montage aus Gedicht, Prosa, Szene und Foto Offene, fragmentarische Form

Brasch selbst sah die Geschlossenheit seiner Gedichte kritisch. In einem Gespräch mit Ekkehart Rudolph 1979 sagte er, viele seien „fast zu genau komponiert“, „nicht fragmentarisch, nicht offen genug“. Für die Analyse ist das ein wichtiger Hinweis: Die formale Ordnung ist eine bewusste Entscheidung, an der der Autor selbst zweifelte. „Kargo“ wirkt wie die Gegenprobe dazu, denn dort verzichtet Brasch auf jede Geschlossenheit.

Sprache: vier typische Verfahren

Kontrast von Form und Inhalt. In „Schlaflied für K.“ hat das Gedicht die Form eines Wiegenliedes, spricht aber von einem Leben „Vom schlimmsten Frieden gehetzt / Zwischen zwei Kriegen“. Der Leser erwartet Ruhe und bekommt Unruhe. Der Frieden erscheint nicht als Zustand, sondern als Zwischenzeit.

Paradox. Der Schlussvers „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ ist grammatisch einfach und logisch unmöglich. Das Paradox gibt einer Lage Ausdruck, die sich nicht auflösen lässt.

Wiederholung als Widerruf. Im selben Gedicht steht fünfmal „aber“ am Versende. Die Wiederholung erzeugt Rhythmus, aber keinen Fortschritt: Jeder Vers nimmt sich selbst zurück.

Montage. „Kargo“ stellt Textsorten nebeneinander, ohne sie zu verbinden. Es gibt keinen einheitlichen Standpunkt. Die Texte kommentieren sich gegenseitig.

Vorbilder und Ton

Die Neue Deutsche Biographie nennt Brecht, Babel und Apollinaire als Einflüsse. Mit Brecht teilt Brasch Liedton und gesellschaftliche Schärfe; Isaac Babel widmete er ein eigenes Gedicht. In den Rezensionen zur Gesamtausgabe 2013 beschrieb Dirk von Petersdorff (F.A.Z.) Brasch als Erben Brechts mit Einflüssen aus der Rockmusik. Jutta Person (Süddeutsche Zeitung) betonte seinen Umgang mit dem Reim und einen eher angriffslustigen als bitter-ironischen Witz.

Wichtige Gedichte im Detail

Der schöne 27. September (Gedichtband, 1980)

Der Band erschien 1980 bei Suhrkamp und enthält 40 Gedichte. Liebesgedichte und Widmungen stehen darin neben Texten über historische Gewalt: den Reichstagsbrand, den Tod Isaac Babels, Krieg und Frieden.

Er ist in thematische Abschnitte gegliedert. Die Magisterarbeit von Hannah Markus (Humboldt-Universität zu Berlin, 2007) zeigt anhand des Nachlasses, dass 37 der 40 Gedichte Vorstufen im Thomas-Brasch-Archiv haben. Manche Texte liegen in vielen Fassungen vor. Das widerlegt das Bild vom spontanen Gelegenheitsdichter: Hinter der scheinbar schlichten Form steht lange Arbeit.

Märchen von Ruth / für Chagall

Inhalt. Erzählt wird von Ruth, die zunächst ein gewöhnliches Kind ist, „wie wir alle“. Dann verwandelt sie sich und wächst über die Welt der anderen hinaus: „Wie dieser Rauch sanft zum Himmel ging / so wuchs auch Ruth immer mehr“. Später heißt es: „Ruth trank statt Milch jetzt die Wolken aus“.

Form. Nach der Analyse von Hannah Markus wechseln vier- und dreihebige Verse bei alternierendem Reim. Die Form wirkt kindlich einfach, ist aber genau gebaut. Die wechselnde Verslänge erzeugt Bewegung, ohne die Kunstfertigkeit auszustellen.

Deutung nach Hannah Markus. In ihrer Magisterarbeit liest Markus das Gedicht als Fabel über Begabung und Vereinzelung. Ruth wird durch ihre Verwandlung zur Außenseiterin; ihr Schicksal unterscheidet sich von dem ihrer biblischen Namensschwester.

Eigene, zusätzliche Lesart (nicht aus Markus). Der Untertitel widmet das Gedicht dem Maler Marc Chagall, dessen Bilder voller schwebender Figuren und biblischer Motive sind. Zusammen mit dem Namen Ruth und dem Bild vom Rauch, der zum Himmel steigt, lässt sich das Gedicht auch als Anspielung auf jüdische Geschichte und möglicherweise auf die Shoah lesen. Der Text benennt das nirgends, und Markus vertritt diese Lesart nicht. Es handelt sich um eine Deutungsmöglichkeit dieses Artikels, nicht um eine gesicherte Aussage.

Schlaflied für K.

Das Gedicht steht in „Der schöne 27. September“ und hat die Form eines Wiegenliedes. Diese Form soll beruhigen. Der Inhalt widerspricht ihr: Die Rede ist von einem Leben „Vom schlimmsten Frieden gehetzt / Zwischen zwei Kriegen“.

Die Wendung „schlimmster Frieden“ ist ein Oxymoron. Frieden ist hier kein Gegenbegriff zum Krieg, sondern eine Pause zwischen zwei Kriegen. Die Form verspricht Geborgenheit, die der Text verweigert. Dieses Verfahren, eine vertraute Form von innen kippen zu lassen, findet sich bei Brasch häufig.

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber“

Zu den bekanntesten und häufig zitierten Gedichten Braschs gehört dieser Text. Er hat sieben Verse und beginnt mit „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber“.

Aufbau. Die ersten fünf Verse folgen demselben Muster. Ein Wunsch wird geäußert und mit „aber“ am Versende zurückgenommen. Haben und Verlieren, Sein und Bleiben, Lieben und Verlassen, Kennen und Wiedersehen, Leben und Sterben stehen gegeneinander. Weil das „aber“ jeweils am Versende steht, zieht jedes Enjambement den Leser in den nächsten Widerspruch.

Bruch. Der sechste Vers, „wo ich sterbe, da will ich nicht hin“, endet ohne „aber“. An der Grenze des Todes bricht die Kette ab.

Paradoxer Schluss. Der letzte Vers lautet: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Die Inversion rückt „Bleiben“ an den Versanfang; der Satz klingt wie eine Entscheidung. Doch der Ort dieser Entscheidung existiert nicht.

Deutung. Vor Braschs biografischem Hintergrund, also Exil der Eltern, DDR-Jugend und Weggang nach West-Berlin, wird das Gedicht oft als Ausdruck eines Lebens zwischen zwei deutschen Staaten gelesen. Der Text nennt aber kein Land. Ebenso gut lässt er sich existenziell lesen: als Bild eines Menschen, der an keinem Ort ganz ankommt, oder als Utopie eines Ortes, den es noch nicht gibt. Die Schlusszeile ist in der Rezeption zum Leitmotiv geworden. Ein Abend zu Ehren Braschs, den seine Schwester Marion Brasch 2015 gestaltete, trug sie als Titel.

Im Netz kursieren Fassungen mit leicht abweichender Zeichensetzung. Für wörtliche Zitate empfiehlt sich deshalb die Gesamtausgabe „Die nennen das Schrei“.

Kargo (1977)

„Kargo“ ist kein reiner Gedichtband, sondern eine Montage aus Gedichten, Prosa, Theaterszenen und Fotografien. Der vollständige Titel lautet „Kargo. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen“.

Schon der Titel lässt mehrere Lesarten zu. Das untergehende Schiff kann man als Bild für einen Staat verstehen, aber auch für die eigene Existenz. „Aus der eigenen Haut“ will man nicht aus einem Land, sondern aus sich selbst. Die Nummer „32. Versuch“ verweist auf wiederholtes Scheitern. Formal ist „Kargo“ das Gegenstück zum streng komponierten „Der schöne 27. September“.

Welche Themen behandeln die Gedichte von Thomas Brasch?

Wiederkehrende Themen in Thomas Braschs Gedichten sind Liebe und Begehren, Krieg und politische Gewalt, die Erfahrung des Nicht-Ankommens, Tod und das Verhältnis von Sprache und Person. Typisch ist, dass er diese Themen selten trennt: Ein Wiegenlied kann vom Krieg handeln, ein Märchen von Geschichte.

Liebe und Begehren

Dass die Liebe ein Hauptthema ist, zeigt schon die Auswahl „Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe“ (2007). Die F.A.Z.-Jury sprach 1980 von „elegischer Erotik“: Begehren erscheint bei Brasch häufig im Zeichen von Abschied und Verlust. Viele Gedichte tragen Widmungen mit Initialen, etwa „Lied / Für B.“ oder „Schlaflied für K.“. Die angesprochene Person bleibt ein Gegenüber im Gedicht, kein Porträt.

Geschichte und politische Gewalt

Brasch erzählt Geschichte oft anhand einzelner Personen. In „Der schöne 27. September“ stehen Gedichte über zwei sehr unterschiedliche historische Figuren. Marinus van der Lubbe, ein niederländischer Rätekommunist, wurde nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 festgenommen, vom Reichsgericht zum Tode verurteilt und 1934 hingerichtet. Die NS-Führung nutzte den Brand, um Grundrechte außer Kraft zu setzen. Isaac Babel, Autor der „Reiterarmee“, wurde 1939 vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet und 1940 nach einem Scheinprozess erschossen. Gemeinsam ist beiden Gedichten, dass ein Einzelner in die Mechanik staatlicher Gewalt gerät. Die historischen Umstände sind jedoch grundverschieden. Der Klammerzusatz „(Niemands Land)“ im Van-der-Lubbe-Titel lässt sich als Bild für einen Menschen lesen, der zwischen alle Fronten gerät.

Individuum und Staat

Braschs Gedichte sind keine Protestlieder. Die Spannung zwischen Einzelnem und Ordnung zeigt sich eher in Formen der Verweigerung: im wiederholten „aber“, im Wiegenlied, das nicht beruhigt, im Titel „Kargo“, der den Ausbruch nicht aus einem Land, sondern „aus der eigenen Haut“ sucht.

Nicht-Ankommen und Fremdheit

Das Motiv, an keinem Ort ganz zu Hause zu sein, prägt besonders das Bleiben-Gedicht. Vor dem Hintergrund von Braschs Lebensweg liegt eine biografische Lesart nahe. Die Gedichte selbst verallgemeinern die Erfahrung jedoch und nennen selten konkrete Orte.

Tod

Der Tod erscheint bei Brasch eher als Grenze denn als feierliches Thema. Im Bleiben-Gedicht markiert er die einzige Stelle, an der das „aber“ verstummt. In den Geschichtsgedichten über van der Lubbe und Babel ist er gewaltsam und politisch.

Sprache und Person

Der Titel der Gesamtausgabe, „Die nennen das Schrei“, lässt sich so lesen, dass andere einem Ausdruck einen Namen geben, der ihm nicht gerecht wird. Fritz J. Raddatz hob in seiner Rezension (Die Zeit, 2013) einen Vers hervor, in dem der Sprecher sich von dem distanziert, was die Zuhörer von ihm hören. Die Spannung zwischen dem Gesagten und der Person, die spricht, ist ein Grundzug dieser Lyrik.

Thomas Brasch zwischen DDR und Bundesrepublik

Brasch war weder Staatsdichter noch ein einfacher Dissident. Er wurde in der DDR verurteilt und zensiert, ging aber nicht in den Westen, um dort ein Gegenmodell zu feiern. Sein Dank an die DDR-Filmhochschule bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises zeigt, wie wenig er sich einem Lager zuordnen ließ.

Das Etikett „DDR-Dissident“ greift deshalb zu kurz. Braschs Gedichte erzählen selten direkt von Mauer, Grenze oder Ausreise. Die deutsche Teilung erscheint in ihnen eher indirekt: als Spannung zwischen Wollen und Nicht-Wollen, als Frieden, der nur eine Zwischenzeit ist, als Montage ohne festen Standpunkt.

Gerade weil die Texte nicht plakativ politisch sind, lassen sie sich nicht auf die deutsch-deutsche Situation reduzieren. Ihr historischer Hintergrund ist für die Interpretation trotzdem wichtig.

Brasch als Grenzgänger zwischen den Gattungen

Brasch war kein reiner Lyriker. Seine Arbeiten in anderen Gattungen zeigen verwandte Motive aus anderer Perspektive.

  • Prosa: „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977) handelt von jungen Menschen in der DDR. „Mädchenmörder Brunke“ (1999) ging aus einem Manuskript von mehreren tausend Seiten hervor.
  • Theater: „Rotter“ (1977) gilt als sein bekanntestes Stück; es folgten unter anderem „Lieber Georg“ und „Mercedes“.
  • Film: „Engel aus Eisen“ (1981) spielt im Berlin der Blockadezeit 1948/49. Danach folgten „Domino“ (1982) und „Der Passagier – Welcome to Germany“ (1988) mit Tony Curtis.
  • Übersetzung: Brasch übertrug Stücke von Shakespeare und Tschechow ins Deutsche.

Thomas Brasch in der deutschen Literaturgeschichte

Thomas Brasch gehört zu der um 1945 geborenen Generation, die in der DDR aufwuchs, durch 1968 politisiert wurde und nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 in den Westen ging. Er steht in der Tradition Brechts und verbindet sie mit Einflüssen aus Film, Rockmusik und internationaler Moderne. Zuordnungen wie „Expressionist“ oder „Romantiker“ treffen nicht zu.

Der Expressionismus mit Dichtern wie Georg Heym liegt rund sechzig Jahre vor Braschs Zeit.

Seine Position lässt sich so beschreiben:

  • DDR-Literatur: Er wuchs in der DDR auf, konnte dort aber kaum veröffentlichen. Seine einzige Lyrikpublikation in der DDR war das „Poesiealbum“ von 1975.
  • Literatur nach 1976: Er gehört zu den Autoren, die nach der Biermann-Ausbürgerung in den Westen gingen.
  • Deutsch-deutsche Literatur: Sein Werk lässt sich keinem der beiden Staaten zuschlagen. Wie andere Dichter des 20. Jahrhunderts über Berlin und die Großstadt schrieben, zeigt unsere Sammlung Gedichte über die Stadt.
  • Forschung: Durch die Gesamtausgabe 2013 und den Nachlass in der Akademie der Künste lassen sich heute auch Entstehung und Fassungen seiner Gedichte untersuchen.

Vergleich mit anderen Autoren

Autor Kontext Zentrale Themen Unterschied zu Brasch
Wolf Biermann Jg. 1936, 1976 ausgebürgert Politik, Liebe, Kommunismus Biermanns Lieder sprechen offen politisch; Brasch bleibt doppelbödiger
Sarah Kirsch Jg. 1935, 1977 in den Westen Natur, Liebe, Landschaft Kirsch schreibt landschaftsbezogen; Brasch arbeitet stärker mit Figuren und Geschichte
Volker Braun Jg. 1939, blieb in der DDR Arbeit, Sozialismus, Utopie Braun kritisierte von innen; Brasch schrieb nach seinem Weggang
Heiner Müller Jg. 1929, blieb in der DDR Geschichte, Gewalt, Revolution Müller war vor allem Dramatiker; bei Brasch steht die Lyrik gleichberechtigt neben Theater und Film

So analysierst du ein Gedicht von Thomas Brasch

Wer Thomas Brasch Gedichte analysiert, sollte Form und Inhalt besonders genau gegeneinander lesen. Seine Texte nutzen oft vertraute Formen wie Lied, Wiegenlied oder Märchen und brechen sie von innen auf. Biografische Bezüge zu DDR, Haft und Übersiedlung können helfen; der Autor darf aber nie mit dem lyrischen Ich gleichgesetzt werden.

  1. Kontext prüfen: In welchem Band ist das Gedicht erschienen, vor oder nach 1976?
  2. Sprecher und Situation bestimmen: Wer spricht zu wem? Viele Gedichte sind Widmungen.
  3. Konflikt erkennen: Welche Gegensätze bestimmen den Text, etwa Bleiben und Gehen, Krieg und Frieden?
  4. Aufbau untersuchen: Gibt es Wiederholungen, eine Steigerung, einen Bruch am Ende?
  5. Form und Rhythmus analysieren: Lied, Wiegenlied, Märchen, freie Verse? Wo ändert sich der Rhythmus?
  6. Brüche suchen: Wo passt ein Vers nicht ins Muster? Dort liegt oft der Kern.
  7. Mehrdeutigkeiten untersuchen: Welche Wörter lassen sich persönlich und politisch lesen?
  8. Biografie vorsichtig einbeziehen: Formuliere Bezüge als Lesart („Vor dem Hintergrund von … lässt sich …“), nicht als Tatsache.
  9. Interpretation formulieren: Wie wirken Form und Inhalt zusammen?

Beispiel: Analyse-Einstieg

Das Gedicht „Schlaflied für K.“ von Thomas Brasch erschien 1980 im Band „Der schöne 27. September“. Es nutzt die Form des Wiegenliedes, die traditionell Geborgenheit und Ruhe verspricht. Der Inhalt widerspricht dieser Erwartung. Die Rede ist von einem Leben „Vom schlimmsten Frieden gehetzt / Zwischen zwei Kriegen“. Das Oxymoron „schlimmster Frieden“ deutet den Frieden zur bloßen Zwischenzeit um. Die vertraute Form wird so zum Träger von Unruhe. …

Thomas Brasch Gedichte als PDF: Wo kann man sie legal lesen?

Thomas Brasch starb 2001. Seine Werke sind deshalb nicht gemeinfrei. In Deutschland endet der Urheberrechtsschutz 70 Jahre nach dem Tod des Autors, bei Brasch also mit Ablauf des Jahres 2071. Kostenlose PDF-Sammlungen seiner Gedichte im Netz sind in aller Regel nicht autorisiert.

Legale Wege zu den Gedichten:

  • Verlagsausgaben: Die Gedichte sind bei Suhrkamp erschienen. Die vollständigste Ausgabe ist „Die nennen das Schrei“ (2013).
  • Bibliotheken: Öffentliche und Universitätsbibliotheken führen die Bände, viele auch als E-Book in der Online-Ausleihe.
  • Antiquariat: Ältere Ausgaben von „Kargo“ und „Poesiealbum 89“ sind antiquarisch erhältlich.
  • Archiv: Für wissenschaftliche Arbeiten ist das Thomas-Brasch-Archiv in der Akademie der Künste die maßgebliche Adresse.

Für Hausarbeiten, Unterricht und Websites gilt das Zitatrecht (§ 51 UrhG). Eine Quellenangabe allein reicht nicht. Ein Zitat ist nur zulässig, wenn es einem Zitatzweck dient, also als Beleg oder Gegenstand einer eigenen Auseinandersetzung mit dem Text, und wenn sein Umfang durch diesen Zweck gerechtfertigt ist. Die Quelle muss zusätzlich deutlich angegeben werden. Ganze Gedichte ohne eigene Analyse abzudrucken, ist in der Regel nicht vom Zitatrecht gedeckt.

Thomas Brasch Zitate: Was ist belegt?

Zitat Quelle
„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Schlussvers des Gedichts, das mit „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber“ beginnt
„Vom schlimmsten Frieden gehetzt / Zwischen zwei Kriegen“ „Schlaflied für K.“, in: Der schöne 27. September (1980)
„Ruth trank statt Milch jetzt die Wolken aus“ „Märchen von Ruth / für Chagall“, in: Der schöne 27. September (1980)
„fast zu genau komponiert“ Brasch über seine Gedichte im Gespräch mit Ekkehart Rudolph, 1979

Sprüche wie „Ein Traum ist eine Liebeserklärung in Abwesenheit“ oder „Die Poesie ist die einzige Form der Magie“ lassen sich in Braschs Werken nicht nachweisen.

FAQ zu Thomas Braschs Gedichten

Wer war Thomas Brasch?
Ein deutscher Lyriker, Dramatiker, Prosaautor und Filmregisseur (1945–2001). Er wuchs in der DDR auf, wurde 1968 aus politischen Gründen verurteilt und lebte ab Dezember 1976 in West-Berlin.

Welche Gedichte schrieb Thomas Brasch?
Bekannt sind unter anderem „Märchen von Ruth / für Chagall“, „Schlaflied für K.“, „Der Tod des Isaac Babel“ und das Titelgedicht „Der schöne 27. September“. Besonders oft zitiert wird das Gedicht mit dem Schlussvers „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“.

Welche Gedichtbände sind besonders wichtig?
„Der schöne 27. September“ (1980), sein einziger klassischer Gedichtband zu Lebzeiten, und die Gesamtausgabe „Die nennen das Schrei“ (2013). Hinzu kommt „Kargo“ (1977), eine Montage aus Gedichten, Prosa und Fotos.

Was ist typisch für Thomas Braschs Lyrik?
Traditionelle, populäre Formen wie Lied, Wiegenlied und Märchen werden mit Zeitkritik, Erotik und harten Brüchen verbunden. Dazu kommen Paradoxe und Wiederholungen, die sich selbst widerrufen.

Welche Themen behandeln seine Gedichte?
Liebe und Begehren, Krieg und politische Gewalt, Nicht-Ankommen, Tod und das Verhältnis zwischen Sprache und Person.

Welche Rolle spielte die DDR in seinem Werk?
Eine wichtige, aber selten direkte. Die Erfahrungen von Zensur, Haft und Weggang bilden einen Hintergrund, vor dem sich viele Gedichte lesen lassen. Politische Parolen enthalten sie kaum.

Warum ging Thomas Brasch nach West-Berlin?
Die DDR verweigerte den Druck seiner Prosa. Nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns stellte er einen Ausreiseantrag und ging im Dezember 1976 nach West-Berlin.

Wie analysiert man ein Gedicht von Thomas Brasch?
Vor allem durch genaues Vergleichen von Form und Inhalt. Achte auf Brüche im Muster, auf Paradoxe und auf den Kontrast zwischen vertrauter Form und beunruhigendem Inhalt.

Wo kann man Thomas Braschs Gedichte legal lesen?
In den Suhrkamp-Ausgaben, vor allem „Die nennen das Schrei“, und über öffentliche Bibliotheken samt ihrer Online-Ausleihe.

Sind Thomas Braschs Gedichte gemeinfrei?
Nein. Brasch starb 2001, seine Werke sind bis Ende 2071 urheberrechtlich geschützt.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Thomas Brasch: Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte. Hrsg. von Martina Hanf und Kristin Schulz. Suhrkamp, Berlin 2013.
  • Thomas Brasch: Der schöne 27. September. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980.
  • Thomas Brasch: Was ich mir wünsche. Gedichte aus Liebe. Hrsg. von Thomas Wild. Suhrkamp, 2007.
  • Suhrkamp Verlag: Zeittafel Thomas Brasch.
  • Thomas Diecks: Brasch, Thomas. In: Neue Deutsche Biographie (NDB-online).
  • Hannah Markus: Zu genau komponiert, unfertig abgenabelt. Nachlass, Druck, Deutung: Thomas Braschs Gedichtband „Der schöne 27. September“. Magisterarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin, 2007.
  • Thomas Brasch: „Ich merke mich nur im Chaos“. Interviews 1976–2001. Hrsg. von Martina Hanf. Suhrkamp, 2009.
  • Akademie der Künste, Berlin: Thomas-Brasch-Archiv.

Schreibe einen Kommentar