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Wirbellose Tiere: Gruppen, Zahlen und warum der Begriff hinkt

Wirbellose Tiere sind keine systematische Gruppe, sondern eine Sammelbezeichnung für alles, was kein Wirbeltier ist. Diese Definition über eine Abwesenheit hat einen kuriosen Effekt: Sie fasst rund 95 Prozent aller bekannten Tierarten in einer einzigen Restkategorie zusammen. Ein Regenwurm und ein Tintenfisch haben stammesgeschichtlich weniger miteinander zu tun als ein Hering und ein Mensch, stehen aber beide unter demselben Begriff.

Die Zahlenverhältnisse

Gruppe Beschriebene Arten (Größenordnung) Anteil
Gliederfüßer (Insekten, Spinnen, Krebse, Tausendfüßer) ca. 1.100.000 etwa 78 %
Weichtiere (Schnecken, Muscheln, Kopffüßer) ca. 85.000 etwa 6 %
Fadenwürmer ca. 25.000 etwa 2 %
Ringelwürmer ca. 17.000 etwa 1 %
Nesseltiere (Quallen, Korallen, Polypen) ca. 11.000 unter 1 %
Stachelhäuter (Seesterne, Seeigel) ca. 7.000 unter 1 %
Schwämme ca. 9.000 unter 1 %
Übrige wirbellose Stämme ca. 40.000 etwa 3 %
Wirbeltiere zum Vergleich ca. 70.000 etwa 5 %

Die Angaben beziehen sich auf wissenschaftlich beschriebene Arten. Bei den Insekten geht man davon aus, dass ein erheblicher Teil der tatsächlich existierenden Arten noch nicht erfasst ist, weshalb Schätzungen zur Gesamtartenzahl weit auseinandergehen.

Die wichtigsten Stämme

Gliederfüßer

Der mit Abstand größte Tierstamm. Kennzeichen sind ein Außenskelett aus Chitin, ein segmentierter Körper und gegliederte Beine. Weil das Außenskelett nicht mitwächst, müssen sich alle Gliederfüßer häuten, was die verletzlichste Phase ihres Lebens ist.

Dazu gehören die Insekten mit sechs Beinen, die Spinnentiere mit acht, die Krebstiere und die Tausendfüßer. Das Außenskelett ist zugleich der Grund für die Größenbegrenzung an Land: Es müsste bei größeren Tieren so dick werden, dass Gewicht und Häutungsrisiko unpraktikabel würden. Im Wasser, wo der Auftrieb einen Teil des Gewichts trägt, fällt diese Grenze weniger ins Gewicht, weshalb die größten Gliederfüßer Krebstiere sind.

Weichtiere

Der zweitgrößte Stamm, mit einer bemerkenswerten Bandbreite. Er reicht von der Wegschnecke im Garten über Muscheln bis zu den Kopffüßern. Letztere umfassen mit dem Riesenkalmar das größte wirbellose Tier überhaupt und stellen zugleich die Arten mit den komplexesten Nervensystemen außerhalb der Wirbeltiere.

Kraken zeigen Verhaltensweisen, die man lange nur Wirbeltieren zugetraut hat: Werkzeuggebrauch, Lernen durch Beobachtung, individuelle Unterscheidung von Personen. Ihr Nervensystem ist dabei ganz anders organisiert, ein Großteil der Nervenzellen sitzt nicht im Gehirn, sondern in den Armen.

Nesseltiere

Quallen, Korallen und Seeanemonen. Sie haben keinen zentralen Gehirnbereich, sondern ein diffuses Nervennetz, und einen Hohlraum mit nur einer Öffnung, die zugleich Mund und After ist. Ihr namensgebendes Merkmal sind Nesselzellen, die bei Berührung binnen Millisekunden einen Giftfaden ausschleudern.

Korallen sind ökologisch die bedeutsamste Gruppe darunter, weil sie mit ihren Kalkskeletten Riffe aufbauen, die einem großen Teil der marinen Artenvielfalt Lebensraum bieten.

Ringelwürmer und Fadenwürmer

Ringelwürmer wie der Regenwurm haben einen aus gleichartigen Segmenten aufgebauten Körper. Regenwürmer durchmischen und belüften Böden und sind für die Bodenfruchtbarkeit von erheblicher Bedeutung.

Fadenwürmer sind unscheinbar, aber in nahezu jedem Lebensraum in enormer Individuenzahl vertreten. Eine Handvoll Gartenerde kann Tausende enthalten. Einer von ihnen, Caenorhabditis elegans, ist einer der wichtigsten Modellorganismen der Biologie, weil bei ihm jede einzelne Körperzelle und ihre Entwicklung kartiert ist.

Was Wirbellose gemeinsam haben und was nicht

Merkmal Trifft zu auf Gegenbeispiel
Keine Wirbelsäule alle –
Klein die große Mehrheit Riesenkalmar, über 10 m Gesamtlänge
Einfaches Nervensystem viele Kraken und Tintenfische
Kein Innenskelett die meisten Kopffüßer mit Knorpelkapsel um das Gehirn
Wechselwarm alle –
Kurze Lebensdauer viele Islandmuschel, über 400 Jahre

Die Tabelle zeigt das Grundproblem des Begriffs. Außer dem fehlenden Wirbel gibt es kein Merkmal, das für alle gilt. Deshalb ist „wirbellos“ in der modernen Systematik keine gültige Kategorie mehr, sondern nur noch ein praktisches Alltagswort.

Warum die Einteilung trotzdem überlebt hat

Die Trennung geht auf Jean-Baptiste de Lamarck zurück, der die Tiere um 1800 in solche mit und ohne Wirbel unterteilte. Zu dieser Zeit war das eine sinnvolle Ordnung, weil man die Verwandtschaftsverhältnisse noch nicht kannte.

Heute weiß man, dass die Wirbeltiere eine relativ junge Gruppe innerhalb eines einzigen Stammes sind, nämlich der Chordatiere. „Wirbellose“ gegen „Wirbeltiere“ zu stellen ist deshalb ungefähr so, als würde man Lebewesen in „Eichen“ und „Nicht-Eichen“ einteilen. Der Begriff hält sich, weil er im Naturschutz, in der Gewässerkunde und im Unterricht praktisch ist, nicht weil er biologisch korrekt wäre.

Wirbellose als Indikatoren

In der Gewässerbewertung spielen wirbellose Tiere eine zentrale Rolle. Bestimmte Gruppen reagieren empfindlich auf Sauerstoffmangel und Verschmutzung, andere sind tolerant. Aus der Zusammensetzung der vorgefundenen Arten lässt sich deshalb die Gewässergüte ableiten, ohne dass chemische Messungen nötig wären.

Gruppe Anspruch Aussage
Steinfliegenlarven sehr hoch sauberes, sauerstoffreiches Wasser
Eintagsfliegenlarven hoch gute Wasserqualität
Köcherfliegenlarven mittel bis hoch mäßig belastet bis gut
Bachflohkrebse mittel mäßig belastet
Rote Zuckmückenlarven gering stark belastet, sauerstoffarm
Schlammröhrenwürmer sehr gering stark verschmutzt

Ein ähnliches Prinzip nutzt die Aquaristik im Kleinen: Bestimmte Wirbellose reagieren früher auf Wasserprobleme als Fische und dienen deshalb als Frühwarnung.

Häufige Fragen

Wie viele wirbellose Tiere gibt es?

Beschrieben sind rund 1,3 Millionen Arten, das entspricht etwa 95 Prozent aller bekannten Tierarten. Die tatsächliche Zahl liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit erheblich darüber, weil vor allem bei Insekten und bodenlebenden Gruppen viele Arten noch nicht erfasst sind.

Sind Insekten wirbellose Tiere?

Ja. Insekten sind Gliederfüßer und damit die mit Abstand größte Gruppe innerhalb der Wirbellosen. Sie stellen für sich genommen bereits mehr Arten als alle übrigen Tiergruppen zusammen.

Ist ein Tintenfisch wirbellos?

Ja, er gehört zu den Weichtieren. Er hat allerdings eine knorpelige Kapsel, die das Gehirn schützt, und bei manchen Arten ein inneres Stützelement wie den Schulp der Sepia. Eine Wirbelsäule ist das nicht, aber es zeigt, wie unscharf die Einteilung ist.

Welches wirbellose Tier ist das größte?

Der Riesenkalmar. Gesicherte Fundstücke erreichen über zehn Meter Gesamtlänge einschließlich der Tentakel. Beim Gewicht liegt der nah verwandte Koloss-Kalmar vorn, von dem Exemplare mit mehreren hundert Kilogramm dokumentiert sind.

Können wirbellose Tiere Schmerz empfinden?

Das ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt und lässt sich nicht pauschal beantworten. Für Kopffüßer und Zehnfußkrebse gibt es Hinweise auf Schmerzempfindung, weshalb sie in mehreren Ländern in den Anwendungsbereich von Tierschutzregelungen aufgenommen wurden. Bei einfach gebauten Gruppen wie Schwämmen, die kein Nervensystem besitzen, gilt das als ausgeschlossen.

Warum werden Wirbellose in der Systematik nicht mehr verwendet?

Weil die Gruppe paraphyletisch ist, also nicht alle Nachfahren ihres gemeinsamen Vorfahren enthält. Sie schließt die Wirbeltiere aus, obwohl diese aus ihr hervorgegangen sind. Moderne Systematik arbeitet ausschließlich mit Gruppen, die einen Vorfahren samt aller Nachfahren umfassen.

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